Fingerprints
Gitarre Aktüell, 2003
Mit Fingerabdrücken auf dem Korpus einer Gitarre haben sich Kriminalisten hoffentlich selten zu beschäftigen. Dass sie in reicher Fülle hinterlassen werden, garantiert der neue Band Fingerprints mit ungarischen Spielstücken, den Dávid Pavlovits bei Ricordi herausgegeben hat. Wie gewohnt richten sich die mittelschweren Stücke der erfolgreichen Ricordi-Reihe an fortgeschrittene Schüler, eignen sich aber auch als zyklische Aufführung und Zugabe in jedem nur möglichen Rahmen. Mit großer Freude hat der Rezensent vor einiger Zeit den beim gleichen Verlag erschienen Schwesterband Amethyste von Dávid Pavlovits durchgespielt und besprochen. Keine Charakterstücke wie seinerzeit, sondern bewusst Folkloristisch-Liedhaftes hat Pavlovits nun in den elf neuen Stücken zusammen getragen. Unter dem Begriff Fingerprints versteht er jedoch mehr als das unverwechselbare Identifikationsmerkmal eines Menschen. Im übertragenen Sinne bedeuten sie für ihn eine Metapher des Persönlichen. “Diese Stücke verweisen auf ihren Ursprung“, erklärt er, “ungarische Volksmelodien, die ihnen manchmal nur entfernt, manchmal sogar nur als Assoziation zugrunde liegen.“ Im Gegensatz zum körperlichen Fingerabdruck ist ein musikalisches Pendant nicht frei vom Eingriff und dem Verwandlungswillen des Komponisten. Oftmals beginnt ein Stück ganz tonal, verliert aber im Verlauf – nicht nur harmonisch, sondern auch formal – den sicheren Boden unter den Füßen. “Dies spiegelt zugleich ein Erlebnis der modernen Zeiten: Unser Zugang zum Volkstümlichen, zum Natürlichen scheint nach und nach eine Illusion zu werden. Wir können ein Volkslied auf einem klassischen Instrument gespielt, mit den originalen Harmonien, kaum mehr genießen. Aus seinem ursprünglichen Umfeld gerissen wirkt es oft geradezu banal; es wird in unseren Händen blass und ausdruckslos, ja sogar dekadent. Stellen wir es aber gleichsam vor den Spiegel und versehen es mit den verrücktesten Kleidern und Farben, so bewegt es sich bald mit neuer Kraft und Bedeutung.“ Nichts anderes will Dávid Pavlovits mit seiner charmanten Sammlung erreichen. ... Schlicht und jungfräulich wirkt das ruhig-verhaltenen Liedchen “Es brennt eine Kerze“, weit mystischer dagegen “Das Haus ging zum Fenster hinaus“. Wer beim “Storch“ ein Schnabelklappern erwarten sollte, wird bei Pavlovits eines Besseren belehrt. Noch nicht mal ein Staccato oder ein harter Akzent begleitet das zart dahinfließende Lied, das die Würde und den Zauber dieses Vogels eher zu illustrieren scheint als seine traditionellen Merkmale. Zur Mitte hin werden die Stücke zunehmend umfangreicher und freier in der Anlage. Überaus reizvoll das durch Synkopen angetriebenen Lied von den “Pflaumen“ im Allegro marcato oder die satirische Hymne auf die eigenen “Stiefel, als sie neu waren“. Pavlovits deutlisch gemachte Phrasierung erleichtert das Spiel um ein Vielfaches. Der Zugang zu diesen hörens- und spielenswerten Stücken bereitet keinerlei Schwierigkeiten, und außerdem: Man kann sich ja aussuchen, ob man sich gitarristisch lieber mit dem “Krautkochen“ oder den scheppernden “Glocken in Szeben“ auseinander setzen möchte.

